
Donnerstag, 23.02.2012
07.09.2011 | Newsübersicht
Gründungsfreudige Migranten
Menschen mit ausländischen Wurzeln machen sich in Deutschland häufiger selbständig, als die Deutschen es tun. Seit Jahren schon stellen die Türken den größten Anteil unter den Existenzgründern.

In den letzten dreieinhalb Jahren machten sieben Prozent der insgesamt rund 15 Millionen in Deutschland lebenden Menschen mit ausländischen Wurzeln ihr eigenes Unternehmen auf. Das geht aus einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hervor. Zum Vergleich: Bei Bundesbürgern ohne ausländischen Hintergrund waren es weniger als fünf Prozent.
Ausländische Firmengründer haben die Dienstleistungsbranche für sich entdeckt, sagt Professorin Elisabeth Müller von der Frankfurt School of Finance & Management. Sie ist die verantwortliche Wissenschaftlerin einer Studie, die jüngst im Auftrag des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) veröffentlicht wurde.
Aus der Arbeitslosigkeit in die Selbständigkeit
Migranten machen sich hauptsächlich im Gastgewerbe und im Handel selbständig, sagt Elisabeth Müller: "Zum Beispiel: der typische Italiener an der Ecke oder die Dönerbude, aber auch Lebensmittelläden an der Ecke." Ein Grund für den Schritt in die Selbständigkeit sei für viele Migranten die Arbeitslosigkeit. Die Quote liege hier höher als bei deutschen Staatsbürgern
Weil die Arbeitslosigkeit unter den Migranten höher sei, so die Frankfurter Professorin, gebe es auch mehr Existenzgründer unter ihnen: "Und man kann auch generell sagen, dass Gründungen aus der Arbeitslosigkeit nicht ganz so erfolgreich sind, wie Gründungen, die aus einem Beschäftigungsverhältnis kommen."
Aller Anfang ist schwer
Nur wenige Migranten in Deutschland sind in den so genannten "wissensintensiven" Berufen zu finden - also beispielsweise in der Software-, Rechts-, Medien- oder Werbebranche, sagt Professorin Elisabeth Müller: "Das ist deshalb der Fall, weil nach wie vor bei den Migranten die Schul- und Studienabschlüsse schlechter sind. Das heißt, dass etwa die Quote der Migranten mit Studium nur halb so hoch ist wie bei den Deutschen."
Der Zahnarzt Mehdi Taghdisi hat in Deutschland studiert. Er hat seit acht Jahren seine eigene Praxis. Jeder Anfang, sagt der gebürtige Iraner, sei schwer, vor allem für Ausländer. Denn sie hätten nicht nur die Sprachbarrieren zu überwinden, sondern die Mentalität spiele auch in seinem Beruf eine nicht unerhebliche Rolle. Als er seine Praxis übernommen habe, erzählt Taghdisi, sei ungefähr ein Drittel der Patienten weg geblieben, ohne den neuen Zahnarzt zu prüfen: "Aber nach und nach kamen sie ja wieder zurück. Sie haben ja von Freunden und Nachbarn gehört: der kann auch so gut arbeiten wie ein deutscher Kollege."
Mit geringem Startkapital machen sich die Migranten selbständig. Banken sind bei der Finanzierung einer Dönerbude oder eines kleinen Geschäfts, wie Untersuchungen zeigen, doch etwas zurückhaltender. Das ist bei einer Praxiseröffnung anders, bestätigt Doktor Taghdisi: "In Deutschland ist es ja so geregelt, dass Banken alles mitmachen, weil sie wissen, dieser Beruf ist ein gesicherter Beruf. Und da gibt es sehr wenig Risiken."
Türken an der Spitze
Seit Jahren stellen in Deutschland die Türken den größten Anteil unter den Selbständigen mit Migrationshintergrund. Das kommt natürlich auch daher, weil sie die größte ausländische "Community" sind, gefolgt von Italienern und Polen. Nach Angaben der Türkisch-Deutschen Industrie- und Handelskammer in Köln gibt es rund 70.000 türkische Unternehmer in Deutschland, die schätzungsweise 260.000 Arbeitsplätze geschaffen haben.
Autorin: Monika Lohmüller
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